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Briefe in die Haupt=Stadt
Mein lieber Krüger,
Auf unserem Marsch nach Westen hatte es dem lieben Herrgott gefallen, uns mit einer Abtheilung
Braunschweiger
und einem Détaschment
Schotten
in einer Marsch=Colonne zu vereinen. So kamen wir heute in das Dorf
Gottersdorf
im Odenwald an.
Das Dorf war von einer Anzahl französischer
Traineurs,
Baiern
und einer Abtheilung
badischer Soldaten
besetzt, die uns den Eingang verweigern wollten.
Wir waren also gezwungen, uns
gewaltsam Zutritt
zum Dorfe zu verschaffen. Meine tapferen Musketiers kämpften prav, den Vogel freilich
schoß der Freiw. Jäg. Wiederer ab, der den Lieutenant von der badischen Inf.
gefangen nahm.
Früher hätt´ er dafür die Silberne Verdienstmedaille gekrigt; heutigentags
werd´ ich ihn für das Eiserne Kreutz vorschlagen.
Der Wiederer ist ein prawer Mann, Schreiner aus dem Anspachischen, den die Liebe
zu dem angestammten Königshause zu den Fahnen trieb, sobald sich Gelegenheith bot.
Um so mehr hat es mich erschrocken, als ich ihn später im Dorfe fand, wo er von einer
Menge Volks beschuldigt wurde,
beim Plündern ertappt
worden zu sein. Dabei hatte er nur im Keller der Posthalterei nach einer leeren Flasche gesucht,
um sich Wasser abfüllen zu können.
Freilich waren die
Leute
aufgebracht, hatten sie doch eine der Franzosen dabei erwischt, den Frauenzimmern an den Leib
gegangen zu sein. Wie gut, dass uns der Lieutenant ins Garn gegangen war. Der konnte dann als
Vertreter der Landes=Obrigkeith einen
Krigs-Gerichts-Proceß
führen.
In der obbenannten Posthalterei fand ich übrigens einen alten Bekannten wieder, den
Capitain v. Mechler
von der Adjutantur. Der Herr Capitain kurirt hier irgendeine heimliche Krankheit aus und
versiehet in der Zeit die Pflichten des Postmeisters. Allerdings will er sobald als möglich
wieder an die Front. Ob ihm da was bessers in Aussicht stehet als eine
Posthalterei?
Wir jedenfalls sollen weiter, den Napolium aus Teutschland raus und vielleicht gar bis nach Paris jagen.
Mein lieber Krüger, habet die Güte und richtet der Eurer Nachbarin aus, dass mich die
Sendung mit dem Hembde und den Socken erreicht hat. Damit bin ich im Stand gesetzt,
wenigstens bei unserer Sieges=Paraden eine propre Figur zu machen. Wollte Gott, die
Montur hielte bis dahin durch.
So verbleibe ich in der Hoffnung, dass wir uns wiedersehen werden.
Euer Unteroffizier Scheibe
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