Brief aus der Provinz, betreffend die Affaire von Jena
am 14ten Oktober 2006

Libe Freundin,

ich lebe, das ist die gute Kunde.
Die weniger gute ist, daß wohl alles verlohren ist. Wie die Gazetten melden, sind Cüstrin und Magdeburg gefallen, der Fürst von Hohenlohe hat kapitulirt. Begreifen, wie es dazu kam, mag wer will, ich nicht. Schließlich hatte der tapfre General von Schöler doch alles metodisch vorbereitet, gantz wie es sein Studium der Kriegskunst und der Siege des Großen Königs ihm anheimgaben!

Aber ich will versuchen, Euch die Tragödie in der Reihenfolge zu schildern: Während die Armée des Herzogs von Braunscheig zur Elbe eilte, sollte unser Heer-Theil oberhalb von Jena warten, um die noch bei Weimar stehenden Bataillons aufzunehmen.
Nun ist freilich zu bemerken, daß sich der Aufmarsch unseres Corps hauptsächlich durch Confusion auszeichnete: etliche unserer Leute waren durch Commandirungen vom Bataillon entfernt, statt dessen wurde eine Anzahl Leute vom Regiment Zastrow bei uns eingekleidet und eingereiht. Unsere Compagnie bildete zusammen mit einer Compagnie vom von Borkeschen Regimente aus Colberg und mit zwei Ersatz-Einheiten von der Märkischen und von der Westphälischen Inspection ein gemischtes Bataillon. Zur Hebung der Manneszucht ward vor dem Gefecht extra noch eine Fahne geweiht.

Von den Franzosen war weit und breit nichts zu sehen. Mit unserem Bataillon standen wir also oberhalb von Jena auf einem gewissen Dornberg und starrten in den Nebel, aus dem auf einmal sich eine Schützenkette formirte. Hinter den Schützen tauchten im Laufe des Gefechtes, das sich entspann, immer mehr und mehr gegnerische Truppen auf, auch Kavallerie.

An Kavallerie waren wir fast gantz entblöst, denn die war am Abend vorher schon sonstwohin geschickt worden. Die unsrigen rückten im Geschwindschritt und mit einer Ordnung, wie nicht immer auf dem Übungsplatz vor, um den Feind aufzuhalten. Gleichwohl war nach zwei Stunden Gefecht alles vorbei, dem heftigsten Ansturm der Franzosen und ihrer vielfachen Überzahl waren wir nicht gewachsen.
Der Rückzug hatte den Karakter einer Flucht.

Dabei verlohr ich meine Compagnie.

Übrigens habe ich den Kaiser gesehen. Und das kam so:
Um mich ein wenig an einem Trunke Wasser zu laben, schlug ich mich in ein Gehöft und verkroch mich hinter einem Holzstapel. Wie ich wieder aufwache, ist der ganze Hof voll mit Franzosen! Und plötzlich erscheint ER und ein Jubel ohnegleichen bricht aus. Der Kaiser stieg auf einen Stuhl oder Eimer und hielt eine kurze Ansprache. Wenngleich ich kein wort verstand, muß ich gestehen, daß mich ein Schauer überlief. Dort stand ein Mann, der ein Meister darin ist, seine Leute zu enthusiasmiren! Mir scheint, daß Preußen eine lange schwere Zeit vor sich haben wird. Erst wennn es unserem gelibten König oder einem seiner Heerführer gelingen wird, eben so seine Soldaten mitzureißen, gibt es eine Hoffnung für ein Preußen,das diesem Manne nicht mehr botmäßig sein wird. Nur mit preußischer Pflichterfüllung wird dieser Armée nicht beizukommen sein. Was soll nun werden? Es geht das Gerücht, der König sei in Ostpreußen und wolle weiteren Widerstand organisiren. Gegen dieses Heer, das wie ein Sturmwind über unser geliebtes Preußen hereinbricht? Andererseits wird erzählt, der General Fürst von Isenburg stelle ein Regiment auf, das mit dem Sturm ziehen soll...

Rathlos verbleibe ich Euer geneigter Freund

Jörg Scheibe, Unteroffizier

Magdeburg, am 17ten November 2006